Pfarrei  St.Gerhard Heiligenstadt

Nachdenkliches von Pfarrer Ludger Dräger


Alles hat seine Zeit (Kohelet 3)


Die Jahre kommen und gehen. Was bleibt ist die Erinnerung. So oder so ähnlich ist es auf manchem Totenbildchen zu lesen. Erinnerungen prägen unser Leben fortlaufend. Wir schreiben nicht Geschichte, wir sind Geschichte!  


Die ganze Heilige Schrift des Alten und Neuen Bundes ist eine Sammlung von Geschichten. Menschen haben ihre Erfahrungen religiös gedeutet. Die beginnen mit der Herkunft, also den Erzählungen vom Paradies, von Adam und Eva und enden mit der Zukunft, dem Blick auf das neue Jerusalem in der Offenbarung des Johannes. Dazwischen passiert viel. Alles was Menschen möglich ist, kommt vor in dieser „Heiligen Schrift“. Bedingungslose Liebe, aber auch Untreue, Abneigung und Verrat. Es begegnet uns der rettende Gott, der barmherzige Vater, aber auch der strafende Richter, der die Schafe von den Böcken scheidet. 


Wir wagen es heute kaum noch, vor dem Horizont der Gegenwart Gottes unser Leben zu deuten. Die Moderne, allen voran die Naturwissenschaften, haben uns das weitgehend abgewöhnt. Letzte Fragen werden nicht mehr gestellt, da sie ohnehin nicht beantwortet werden können im Lichte rein weltlicher Erfahrung. God is beyond significant language, formuliert der Philosoph Ludwig Wittgenstein. Für Gott ist gar kein Platz in unserer Sprache. Zum Schweigen Gottes, wie es die Mystik schon immer kannte, gesellt sich das Verschweigen Gottes. Hatte Gott seine Zeit? Für die Jugend, so eine jüngste Studie, wird Gott immer bedeutungsloser, wobei es da einen erheblichen Unterschied gibt zwischen dem christlichen und dem islamischen Kulturkreis

 

Wir stehen noch mitten im Advent. Die Botschaft verkündet den kommenden Christus und schaut schließlich auf das Kind in der Krippe. Alles Glaubenssache, was sonst. Oder wie man heute gern in pastoraler Sprache formuliert, ein Angebot. Mir gefällt dieses Wort nur bedingt. Es klingt nach Angebot und Nachfrage, also nach Marktwirtschaft. Das ist wohl auch so. Kann ich Gott „gebrauchen“ oder nicht? Wie ist das bei stetig sinkender Nachfrage? Kein Platz mehr im Sortiment. Kein Platz in der Herberge. 


„Auf bereitet ihm die Wege, dem Erlöser, der euch naht, machet grade alle Wege, machet eben jeden Pfad.“ Liedgut aus vergangener Zeit. Lasst uns Geschichten von Gott erzählen, so wie es zu allen Zeiten geschah, damit ER nicht Geschichte wird, sondern auch für uns Gegenwart und Zukunft bleibt. 


Ihr Pfarrer Ludger Dräger