Pfarrei  St.Gerhard Heiligenstadt

Geschichte - Gedanken zum Neujahrstag 2021 


Am Silvestertag 2020 hieß es allerorten, bloß das alte Jahr abhaken, Auf Nimmerwiedersehen

usw. Schön wäre es, wenn das so ginge, einfach abhaken und weg, eventuell sogar auf den
Müllhaufen der Geschichte. Mal abgesehen davon, dass man so auch nicht der Opfer gerecht
würde, die jedes Jahr aufzuweisen hat, ob mit oder ohne Corona, es ist schlechterdings
unmöglich. Geschichte ist ja nichts Abstraktes oder für Schüler gelegentlich Langweiliges,
sondern sie konstituiert uns und wir sie in ständiger Wechselwirkung.


Darüber hinaus ist Geschichte natürlich auch eminent wichtig für unseren
Glauben, ja für die

Theologie überhaupt. Im Alten Bund ist es vor allem die wirkmächtige Gegenwart JHWH, der
den Glauben der Israeliten wesentlich prägt und bestimmt. Gott ist mächtig, er hat das Heer
des Pharaos besiegt und sein Volk in der Wüste nicht verlassen. Er hat ihm das gelobte Land
geschenkt und alle Feinde besiegt. Dafür forderte Gott unbedingte Treue zu seinem Bund. Und
wehe nicht, dann drohten erhebliche Strafen (Babylon). Geschichte und Gott, das gehörte
untrennbar zusammen. 


Im Neuen Bund macht Gott nicht mehr als Kriegsgott von sich reden, eher ist das Gegenteil

der Fall. Er wechselt von der Sieger- auf die Opferseite. Die weltliche Macht als Messias lehnt
er ab. Und was geschieht durch Auferstehung und Himmelfahrt? Verschwindet Gott aus der
Geschichte? Doch erstmal taucht er ein in den Zusammenhang von Sein und Zeit (Martin
Heidegger). So heißt es am Neujahrstag in der 2. Lesung: „Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott
seinen Sohn, geboren von einer Frau, dem Gesetz unterstellt“ (Gal 4,4). Das klingt nicht nach
Hirten, Stall und Schafen und Engeln, das ist sehr nüchtern ausgedrückt. Gott macht nicht nur
Geschichte, er wird Geschichte. 


Die bleibende Frage aber lautet, ist Gott auch Herr der Geschichte, wie es für das Volk des

Alten Bundes geradezu konstitutiv war? Oder ist es eher wie bei Werner Bergengruen, der
schreibt: „Wir sind so sehr verraten, von jedem Trost entblößt, in all den wirren Taten ist
nichts, das uns erlöst.“ Die Klage gegen eine menschliche Hybris, die Gott hinter sich gelassen
hat und meint, die Geschicke nun endgültig selbst in die Hand zu nehmen. Schließlich gibt es
von Bergengruen ein Flehen an die Gewalt der Stille. Gott als Stille, aber eben doch anwesend.


Die Stille aushalten, das ist uns aufgetragen. Das ist umso schwerer in einer Zeit und

Gesellschaft, die ständig Lärm macht, wo die permanente Aufregung zum Tagesgeschäft
gehört. 


Für mich ist sehr tröstlich die folgende Liedstrophe (GL 220,4) von Jochen Klepper: „Noch

manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und Schuld. Doch wandert nun mit allen der Stern
der Gotteshuld. Beglänzt von seinem Lichte, hält euch kein Dunkel mehr; von Gottes
Angesichte kam euch die Rettung her.“ 


Ihr Pfarrer Ludger Dräger