Pfarrei  St.Gerhard Heiligenstadt

Nachdenkliches von Pfarrer Ludger Dräger

Heimat


Moderne Popmusik in feinfühliger Lyrik kreist oft um das Thema Liebe und alles, was dazugehört, also Sehnsucht, Trennungsschmerz usw. Im Grunde macht der Schlager nichts anderes, er ist nur musikalisch und sprachlich etwas schlichter. Auch die hohe Kunst der Oper und der Weltliteratur kennen mehr oder weniger nur das eine Thema. Liebe und Tod, so der unvergessene Marcel Reich-Ranicki, seien die Triebfedern der Literatur und sonst gar nichts. Gelegentlich aber kommt es vor, da blitzt der Zeitgeist  in der Popmusik auf. So war das öfter bei Herbert Grönemeyer, dessen jüngeres Schaffen mir jedoch nicht mehr so vertraut ist. Bereits 1984, als mit Männer und Bochum der große Durchbruch kam, findet sich ein Lied namens Heimat, das allerdings alles andere ist als ein Heimatlied. Da ist kein Brunnen vor dem Tore, auch kein Wiesengrund und auch kein schöner Land mehr in Sicht. Vielmehr heißt es dort: Die Seele verhökert, alles sinnentleert, keine Heimat, keine Heimat mehr.  


Inmitten der derzeitigen Pandemiekrise gibt es auch so eine Art Heimatgefühl, das mehr meint als die eigenen vier Wände, die man ohnehin kaum noch verlassen sollte. Es geht also nicht einfach um einen Ort in Raum und Zeit. Es geht um eine geistig-geistliche Verwurzelung und Grundhaltung. Bereits 1984! beklagt also der Sänger diesen besonderen Verlust.. 


Haben wir unsere Seele verkauft (verhökert) und geopfert auf dem Altar des Materialismus? „Auch wenn ganz was and’res zählt, zählst du verbissen nur die Kohl’n“, auch so eine Grönemeyer Zeile. Plötzlich merken wir, dass es doch noch etwas anderes gibt, als die Interessen des so genannten Marktes. Der feste Boden unter den Füßen weicht morschen Planken. Gewissheiten verschwinden. Was hält, was trägt noch? Die Wissenschaft soll es richten. Virologen auf allen Kanälen.

 

Ich erinnere hier gern mal an, „Wer nur den lieben Gott lässt walten“. Der Thüringer Georg Neumark hat dieses Lied vermutlich 1641 geschrieben, also während des Dreißigjährigen Krieges. Gläubige Zuversicht sollte auch unsere Seele erfüllen. Die gibt es dort, wo Menschen Heimat im Glauben gefunden haben. „Denn welcher seine Zuversicht auf Gott setzt, den verlässt er nicht.“ Nein, das ist kein Popsong, aber diese etwas schwermütige Melodie weiß um den Ernst der Lage. Nehmen Sie mal das Gotteslob zur Hand: Nr. 424. 


Damit kein Missverständnis aufkommt, freilich braucht es Wissenschaft und Virologen und die Menschen, die gerade jetzt besonders für andere Sorge tragen. Aber es braucht auch die, die mit dem Apostel Paulus sagen, spes nostra firma (Wappenspruch von + Kardinal Meisner = 2 Kor 1,7), unsere Hoffnung für euch steht fest, denn beim Herrn ist Barmherzigkeit und reiche Erlösung (Psalm 130).


Ihr Pfarrer Ludger Dräger