Pfarrei  St.Gerhard Heiligenstadt

Nachdenkliches von Pfarrer Ludger Dräger

Gewissheit


Gelegentlich erweckt die moderne Wissenschaft zumindest den Anschein, als wüsste sie zwar nicht alles, aber doch sehr viel. Projekte, wie kürzlich drei Marsmissionen hintereinander, bestätigen diesen Eindruck. Der Mensch kann viel erreichen, wenn er nur will. Das Potenzial menschlichen Geistes, sein Forscher- und Erfinderdrang kennen keine Grenzen. In diesem Haus der Wissenschaft scheint für Religion kaum noch Platz zu sein, allenfalls noch tauglich für die eine oder andere moralische Belehrung.

Im Christentum jedoch geht es nicht zuerst um moralische Belehrung, gleichwohl in der Vergangenheit der erhobene Zeigefinger stets zur Stelle war. Ja, das Volk hörte sogar gern die Predigten, in dem die Sünde – vor allem gegen das sechste Gebot – in aller Deutlichkeit ausgemalt und angeprangert wurde. Diese Zeiten sind vorbei. In den Vordergrund getreten sind Eigenverantwortung und die persönliche Gewissensentscheidung. Allerdings verlangt diese nach normativen Grundsätzen. Ein Tun und Lassen, was man will, geht jedenfalls auch an modernen Freiheitsvorstellungen, die besonders stark die Autonomie der Person betonen, vorbei.


Nach wie vor jedoch scheint es vom kirchlichen Amt tausendfach moralische Hinweise zu geben, zuvorderst im Hinblick auf aktuell politische Gegebenheiten. Fortlaufend angeprangert wird der Gegensatz zwischen arm und reich; es geht um Klima und Umwelt und natürlich auch um Flüchtlinge und selbstverständlich um Extremismus, vorzugsweise um Rechtsextremismus. Diese Themen bestimmen seit Jahren die Kirchentage, egal ob katholisch oder evangelisch. Auf katholischer Seite ließe sich noch die Ämter- und Frauenfrage ergänzen.

 

Warum eigentlich dauernd diese Themen? Vermutlich will man anschlussfähig bleiben an den Zeitgeist und an das, was der mediale Betrieb so vorgibt. Doch ist das wirklich relevant, wenn man ständig Antworten auf vorletzte Fragen gibt, die andere auch schon gegeben haben?. 


Die eigentliche Kernbotschaft rückt dabei mehr und mehr in den Hintergrund. Dabei haben wir etwas zu sagen, und zwar genau dort, wo es um Leben und Tod geht. Im Zentrum und am Anfang unseres Glaubens steht die Botschaft, Christus ist für unsere Sünden gestorben und am dritten Tag auferweckt worden – 1 Kor 15, 3-4. Diese Botschaft trägt der Apostel Paulus in die Welt hinaus, nicht immer mit Erfolg, wie in Athen. Paulus ist kein Weltverbesserer und er gibt schon gar keine Ratschläge in politisch weltlichen Dingen.  Aber das Christus die Grenze zwischen Leben und Tod durchlässig gemacht hat, dieser Glaube ist für ihn zur Gewissheit geworden. „Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Ob wir leben oder ob wir sterben, wir gehören dem Herrn“ Röm 14,8.  Das ist spektakulärer als jede Marsmission.


Ihr Pfarrer Ludger Dräger