Pfarrei  St.Gerhard Heiligenstadt

Nachdenkliches von Pfarrer Ludger Dräger


Frustration


Wer in die Zeitung schaut, ja wer überhaupt die Medien verfolgt, der findet immer und meistens auch sehr schnell einen Grund frustriert zu sein. Nie oder nur ganz selten verhalten sich die Dinge so, wie man es gern hätte und schon gar nicht so, dass alle zufrieden sein könnten. Immer gibt es Grund zur Klage. Manche Zeitgenossen fallen uns regelrecht auf, wenn sie mal nichts zu klagen haben. Die Klage, die besondere und allgemeine Frustration stehen heutzutage hoch im Kurs. 

Woher rührt dieser Zustand einer, zumindest auf mittlerem Niveau, gepflegten Dauerfrustration? 

Ist es irgendein mysteriöser Raum zwischen Denken und Handeln, ist es der Zufall? Es ist gar nicht so einfach, dieses näher zu erklären.

Das lateinische Wort frustra sagt uns dabei schon eine ganze Menge; frustra, das heißt vergeblich, vergänglich.

Todo se pasa, so formuliert es die spanische Ordensfrau Teresa von Avila in ihrem berühmten Gebet – alles vergeht. Wir Deutsche haben scheinbar ein sehr waches Gefühl, für Vergänglichkeit, welches unter der Sonne Spanien oder Italiens bei weitem nicht so ausgeprägt ist.  Schwermütige Romantik (Caspar David Friedrich) ist uns näher als heitere italienische Renaissance.

Woran liegt das?  Ich denke, eine Antwort ist ganz einfach und liegt fast wie von selbst auf der Hand. Wir Deutschen –aber im Grunde gilt das für jeden Menschen – sind uns unserer Endlichkeit sehr deutlich bewusst. Wir ahnen, dass es da eine Macht gibt, die das Sein ins Nichts verwandelt, die alles aufhebt und nichts bestehen lässt – der Tod. Diese Urangst vor dem Nichts durchzieht unbewusst fast alle unsere Handlungen und schleicht sich ein in unser Denken. Immer dort, wo es nicht mehr vorwärts geht, wo wir zunächst Stagnation hinnehmen und dann feststellen, es geht rückwärts, ja es geht bergab, immer dort ist insgeheim der Tod im Spiel. Es ist nicht übertrieben, wenn unsere Vorfahren, das eben Beschriebene in der Antiphon, Media vita in morte sumus, zusammengefasst haben. Deutsch von Martin Luther: „Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen.“
Vor diesem Hintergrund tut sich ein Abgrund auf. Er lässt unser Dasein als sinnlos erscheinen, wie es die französischen Existentialisten Sartre und Camus betont haben. In der weniger philosophisch interessierten Bevölkerungsschicht schlägt diese Ernsthaftigkeit einfach um und wird zur Spaßgesellschaft mit dem heimlichen Slogan: Hurra, wir leben noch. Es hat also enorme Konsequenzen, wenn wir dem Tod die alleinige Deutungshoheit über unser Dasein überlassen. Am Beginn der österlichen Bußzeit erinnert uns das Aschenkreuz daran…“und wieder zum Staube zurück kehrst“.

Damit wird jede Frustration (Vergänglichkeit) ernst genommen; aber sie steht nicht für sich, nicht als offenkundiges trauriges Finale.
Am Ende der österlichen Bußzeit steht das Osterfest. Das Halleluja siegt über alle Klage. 


Ihr Pfarrer Ludger Dräger